Der unsichtbare Schutzschild: Wie die „Fence“-Position Konflikte beendet, bevor sie beginnen

Stellen Sie sich eine alltägliche Situation vor: Eine Diskussion wird hitziger, ein unzufriedener Kunde oder ein aufgebrachter Bekannter kommt Ihnen unangenehm nahe. Ihr persönlicher Raum, Ihre intime Distanzzone, wird verletzt. Sie fühlen sich bedrängt, Ihr Puls steigt. Ihr Instinkt schreit danach, Abstand zu schaffen. Doch wie? Ein Wegschubsen, selbst wenn es nur leicht ist, ist rechtlich bereits eine Tätlichkeit und wirkt wie Öl ins Feuer. Ein Zurückweichen signalisiert Schwäche und lädt zu weiterer Grenzüberschreitung ein.

Genau für diesen kritischen Moment zwischen verbalem Konflikt und potenzieller physischer Eskalation gibt es eine intelligente Antwort: die „Fence“ (engl. für „Zaun“). Die Fence ist keine obskure Kampfkunst-Technik, sondern ein fundamentaler Baustein der Deeskalation und Selbstbehauptung. Sie ist ein unsichtbarer Schutzschild, den jeder Mensch kennen und beherrschen sollte.

Teil 1:

Die Philosophie der 'Fence' –

Mehr als nur eine Handhaltung


Auf den ersten Blick sieht die Fence wie eine einfache, fast beiläufige Geste aus. Doch ihre Wirksamkeit liegt in der brillanten Verbindung von psychologischer Deeskalation und strategischer Bereitschaft – eine perfekte Synthese meiner „zwei Welten“.

Aus der Sicht des Pädagogen:
Die psychologische Wirkung der Fence ist enorm. Wenn Sie die Hände heben, die Handflächen offen und zum Gegenüber gerichtet, senden Sie zwei Botschaften gleichzeitig. Die offene Handfläche nach vorne ist ein universelles „Stopp“-Signal. Es ist instinktiv verständlich und nicht aggressiv. Gleichzeitig signalisieren offene Hände: „Ich habe keine Waffe, ich bin friedfertig.“ Sie nehmen dem Gegenüber den Wind aus den Segeln, da Sie nonverbal kommunizieren: „Ich will keinen Ärger, aber hier ist meine Grenze.“

Aus der Sicht des Kampfkunstlehrers:
Während die Geste deeskalierend wirkt, ist sie gleichzeitig eine hocheffiziente Vorkampfstellung. Im Wing Chun trainieren wir, unsere Zentrallinie – die senkrechte Achse unseres Körpers mit all ihren vitalen Punkten – jederzeit zu schützen. Wie Sie auf den Bildern sehen, bringt die Fence Ihre Hände automatisch in eine Position, in der sie genau diese Linie abschirmen. Sie schützen Ihren Kopf und Ihren Brustbereich vor überraschenden Schlägen. Ihre Hände sind nicht passiv in den Hosentaschen, sondern bereits im Spiel und bereit, einen Angriff sofort abzuwehren oder zu blockieren. Die Fence ist die perfekte Brücke zwischen einer normalen Alltagshaltung und einer notwendigen Verteidigungsaktion.

Teil 2:

Die Technik –

Schritt für Schritt (Erläuterung zur Fotostrecke)


Die Fence ist einfach zu lernen, weil sie auf natürlichen Bewegungen aufbaut. Folgen Sie diesen Schritten, wie sie in der Fotostrecke dargestellt sind.

Schritt 1: Die Basis – Der stabile Stand
Wie Sie auf Bild 1 sehen, beginnt alles mit einem stabilen Fundament. Wenn Sie sich bedrängt fühlen, treten Sie nicht frontal, sondern mit einem Fuß einen kleinen Schritt zurück. Ihr Körper ist nun leicht seitlich zum Gegenüber ausgerichtet. Diese Position ist weitaus stabiler als ein paralleler Stand und verkleinert gleichzeitig Ihre Angriffsfläche. Sie sind fest verwurzelt, wirken aber nicht wie ein Kämpfer, der auf den Gong wartet. Es ist eine Haltung, die Stabilität und Selbstbewusstsein ausstrahlt.

Schritt 2: Die Hände – Der Schutzschild
Achten Sie auf Bild 2, das die Kernposition zeigt. Heben Sie Ihre Hände ganz natürlich vor Ihren Körper, etwa auf Brusthöhe. Es soll aussehen, als würden Sie im Gespräch gestikulieren. Die Handflächen zeigen nach vorne, die Finger sind zusammen, aber locker und nicht verkrampft. Eine Hand (meist die des vorderen Fußes) ist etwas weiter vorne – das ist der eigentliche „Zaun“. Die andere Hand bleibt etwas weiter hinten, als zweite Schutzebene vor Ihrem Brustkorb oder Kinn. Wichtig ist: Heben Sie die Hände langsam und bewusst, nicht ruckartig.

Schritt 3: Die Sprache – Klare Ansagen Bild 3
illustriert die verbale Unterstützung der Geste. Ihre Körpersprache setzt die Grenze, Ihre Worte benennen sie. Nutzen Sie kurze, klare und unmissverständliche Sätze mit einer ruhigen, festen Stimme. Wählen Sie je nach Situation:

  • Deeskalierend: „Moment mal, lassen Sie uns das in Ruhe klären.“
  • Klare Grenze setzend: „Stopp, bitte halten Sie Abstand.“
  • Respekt einfordernd: „Ich möchte das nicht. Respektieren Sie bitte meinen persönlichen Bereich.“

Die Kombination aus der physischen Barriere der Hände und der klaren verbalen Ansage ist für die meisten Menschen eine unüberwindbare Barriere, die sie instinktiv respektieren.

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Teil 3: Die Vorteile im Überblick


Die Fence ist ein multifunktionales Werkzeug mit vier entscheidenden Vorteilen:

  1. Schafft eine physische und psychologische Barriere:
    Sie definieren klar Ihren persönlichen Raum und machen es dem Gegenüber schwer, Sie weiter zu bedrängen, ohne die Grenze aktiv und bewusst zu überschreiten.
  2. Schützt Kopf und Körper:
    Ihre Hände sind bereits dort, wo sie gebraucht werden, um die wichtigsten Ziele (Kopf, Hals, Brust) vor einem überraschenden Angriff, wie einem Kopfstoß oder einem Schwinger, zu schützen.
  3. Hält die Hände bereit zur Abwehr:
    Sollte der verbale Appell scheitern und ein Angriff erfolgen, müssen Ihre Hände nicht erst aus den Taschen geholt werden. Sie sind bereits in der perfekten Position, um zu parieren, zu blocken oder zu stoßen.
  4. Wirkt deeskalierend:
    Trotz ihrer strategischen Effektivität ist die Fence keine aggressive Kampfhaltung. Die offenen Hände signalisieren Friedfertigkeit und den Willen, die Situation gewaltfrei zu lösen.

Fazit: Ihr persönliches Statement


Die Fence-Position ist weit mehr als eine Technik. Sie ist die physische Manifestation von Selbstrespekt und intelligenter Selbstbehauptung. Sie ist das nonverbale Statement: „Ich bin ein ruhiger und friedfertiger Mensch, aber ich kenne meine Grenzen und bin bereit, sie zu schützen.“ Es ist ein Werkzeug, von dem ich hoffe, dass Sie es nie wirklich brauchen werden. Aber es ist ein Werkzeug, das jeder in seinem mentalen und physischen Werkzeugkasten haben sollte.

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