Die Psychologie der Zielauswahl: Warum manche Menschen zu Opfern werden – und andere nicht.

Ein Angreifer sucht kein Duell auf Augenhöhe. Er sucht ein Opfer. Diese These mag hart klingen, aber sie ist die realistische Grundlage, auf der jede ernsthafte Auseinandersetzung mit persönlicher Sicherheit beginnen muss.

In meinen 30 Jahren als Kampfkunstlehrer und Sonderpädagoge habe ich gelernt, dass die meisten physischen Konfrontationen entschieden sind, lange bevor der erste Schlag fällt. Sie werden in einem sekundenschnellen, oft unbewussten Auswahlprozess entschieden, den der Täter durchführt. Er scannt seine Umgebung nicht nach dem stärksten Gegner, sondern nach dem Ziel, das den geringsten Widerstand verspricht.

Dieser Auswahlprozess basiert fast ausschließlich auf nonverbalen Signalen – auf Haltung, Blick und Aufmerksamkeit. Die gute Nachricht ist:

Diese Signale sind keine unabänderlichen Charaktereigenschaften. Sie sind eine Haltung, und eine Haltung kann man trainieren.

Es geht darum zu verstehen, welche unbewussten Botschaften wir senden und wie wir lernen können, eine Sprache zu sprechen, die potenzielle Täter instinktiv meiden.

Teil 1:
Die Anatomie der Verletzlichkeit –
Wie Täter ihre Ziele wählen


Um zu verstehen, wie wir uns schützen können, müssen wir zunächst verstehen, wonach ein Angreifer sucht. Er sucht nach Zeichen der Verletzlichkeit. In meiner Arbeit mit aggressiven Jugendlichen und in der Analyse von Gewaltsituationen kristallisieren sich immer wieder dieselben Muster heraus, die eine Person als „einfaches Ziel“ erscheinen lassen.

„Ein Angreifer sucht nicht die Herausforderung, sondern die Schwäche. Stärke liegt in der Haltung, die wir bewusst trainieren können, um nicht als Opfer wahrgenommen zu werden.“

Passive Körpersprache:
Stellen Sie sich zwei Menschen vor, die eine Straße entlanggehen. Einer geht aufrecht, mit ruhigem, gleichmäßigem Schritt. Der andere hat leicht nach vorne gezogene Schultern, der Kopf ist etwas gesenkt, der Gang wirkt unsicher.

Welchen würden Sie für selbstbewusster halten?

Die Antwort ist offensichtlich. Eine eingefallene Haltung sendet die unbewusste Botschaft:

„Ich möchte keinen Raum einnehmen, ich möchte unsichtbar sein.“

Paradoxerweise macht genau dieser Wunsch, sich kleinzumachen, eine Person für jemanden, der Dominanz ausüben will, besonders sichtbar. Es ist das nonverbale Eingeständnis, einem Konflikt aus dem Weg gehen zu wollen – um jeden Preis.

Mangelnder Blickkontakt:
In der Tierwelt ist das direkte Ansehen eines Raubtiers eine Herausforderung. Das Wegsehen ist ein klares Signal der Unterwerfung. Wir Menschen sind, bei aller Zivilisation, immer noch mit diesen instinktiven Programmen ausgestattet. Wer permanent den Blick senkt, den Kontakt mit den Augen anderer meidet und auf den Boden starrt, signalisiert:

„Ich sehe die potenzielle Gefahr nicht“

oder schlimmer:

„Ich sehe dich, aber ich stelle keine Bedrohung dar.“

Für einen Täter ist dies eine Einladung. Es bestätigt ihm, dass er die Kontrolle über die Situation übernehmen kann, ohne auf Widerstand zu stoßen.

Ablenkung (der „Smombie-Effekt“):
Das vielleicht größte Geschenk, das wir einem potenziellen Angreifer machen können, ist unsere völlige geistige Abwesenheit.

Beobachten Sie Menschen in öffentlichen Verkehrsmitteln oder auf belebten Plätzen. Viele sind in einer unsichtbaren Blase gefangen, die von ihrem Smartphone erzeugt wird. Mit Kopfhörern in den Ohren und dem Blick auf das Display sind sie für ihre Umgebung taub und blind. Sie bemerken nicht, wer sie beobachtet, wer ihnen folgt oder wer sich ihnen nähert.

Dieser Zustand der totalen Ablenkung macht eine Person zum idealen Ziel für Diebstahl oder einen Überraschungsangriff, da das entscheidende Element der Konfrontation – die Wahrnehmung des Opfers – komplett ausgeschaltet ist.

Ein entscheidendes Wort zur Verantwortung

Lassen Sie mich an dieser Stelle eines unmissverständlich klarstellen:

Das Verstehen dieser Muster dient einzig und allein der Prävention.

Es ist niemals, unter keinen Umständen, eine Schuldzuweisung an das Opfer.

Die Verantwortung für einen Übergriff liegt zu 100 % und ohne jede Ausnahme beim Täter.

Nichts, was ein Opfer tut oder unterlässt, rechtfertigt jemals eine Gewalttat. Wir analysieren diese Muster nicht, um Opfern die Schuld zu geben, sondern um potenziellen Opfern das Wissen und die Werkzeuge an die Hand zu geben, gar nicht erst in das Fadenkreuz eines Täters zu geraten. Es geht um Selbstermächtigung, nicht um Schuldumkehr.

Teil 2:
Die Sprache der Stärke –
Proaktiv aus dem Beuteschema fallen


Wenn Sie die Muster der Verletzlichkeit verstanden haben, können Sie aktiv damit beginnen, die Sprache der Stärke zu sprechen. Es geht nicht darum, aggressiv oder einschüchternd aufzutreten, sondern darum, eine natürliche, selbstbewusste Präsenz auszustrahlen, die signalisiert:

„Ich bin kein einfaches Ziel.“

Die Haltung aus der Kampfkunst:
Im Wing Chun lehre ich meine Schüler einen stabilen, zentrierten Stand. Füße hüftbreit, die Knie leicht gebeugt, die Wirbelsäule aufgerichtet. Dies ist keine Kampfhaltung, sondern ein Prinzip.

Übertragen auf den Alltag bedeutet das:

Stehen und gehen Sie aufrecht. Ziehen Sie Ihre Schultern bewusst nach hinten und heben Sie den Kopf. Spüren Sie den Kontakt Ihrer Füße mit dem Boden.

Diese Haltung verändert nicht nur, wie Sie von anderen wahrgenommen werden, sie verändert auch, wie Sie sich selbst fühlen. Eine aufrechte Haltung signalisiert dem eigenen Gehirn Selbstvertrauen und Ruhe. Sie atmen tiefer, Ihr Blickfeld weitet sich, und Sie wirken sofort präsenter und kontrollierter.

Der Blick aus der Pädagogik:
Ein starrer, fixierender Blick wirkt provozierend. Ein ängstliches Wegschauen wirkt unterwürfig. Der Schlüssel liegt dazwischen:

ein ruhiger, offener und „scannender“ Blick.

Wenn ich in einer angespannten Situation mit einem Jugendlichen arbeite, starre ich ihn nicht an. Ich halte einen ruhigen Blickkontakt, lasse meine Augen aber immer wieder durch den Raum schweifen.

Dies signalisiert zwei Dinge:
„Ich bin bei dir und nehme dich ernst“ und gleichzeitig „Ich habe die gesamte Umgebung im Blick und die Kontrolle über die Situation.“

Trainieren Sie diesen „freundlichen Radar-Blick“ im Alltag. Schauen Sie Menschen kurz und freundlich an, nicken Sie vielleicht leicht und blicken Sie dann weiter.

Sie signalisieren:
„Ich habe dich wahrgenommen.“

Das allein genügt oft, um aus einem anonymen Raster zu fallen.

Die bewusste Aufmerksamkeit:
Eine selbstbewusste Haltung und ein wacher Blick sind fast immer das natürliche Ergebnis eines bewussten mentalen Zustands.

Wie in der Titelgeschichte dieser Ausgabe beschrieben, ist das Ziel, sich im Alltag im „Code Gelb“ zu bewegen – einem Zustand entspannter Aufmerksamkeit.

Wenn Sie nicht in Ihr Handy vertieft sind, sondern Ihre Umgebung aktiv wahrnehmen, verändert sich Ihre gesamte nonverbale Ausstrahlung. Ihr Gang wird zielgerichteter, Ihr Kopf ist oben, Ihr Blick scannt die Umgebung. Sie senden automatisch die Signale von jemandem aus, der präsent und schwer zu überraschen ist.

„Ein ruhiger, offener und ‚scannender‘ Blick signalisiert: ‚Ich bin bei dir und nehme dich ernst‘, während er gleichzeitig die Umgebung im Auge behält.“

Fazit:

Sicherheit ist ein „Inside Job“

Die Psychologie der Zielauswahl ist kein Schicksal, dem wir ausgeliefert sind. Sie ist ein Spiel der Wahrnehmungen, dessen Regeln wir lernen und zu unserem Vorteil nutzen können.

Persönliche Sicherheit ist zu einem großen Teil ein „Inside Job“.

Sie beginnt nicht mit einer Technik oder einer Waffe, sondern mit Ihrer inneren Haltung.

Diese innere Haltung der Ruhe und des Selbstvertrauens manifestiert sich nach außen in einer aufrechten Präsenz, einem wachen Blick und einer bewussten Aufmerksamkeit.

Das sind die stärksten Werkzeuge, die Sie besitzen, um gar nicht erst als potenzielles Ziel ausgewählt zu werden.

Ich möchte Sie ermutigen, Ihre eigene Haltung als Ihr erstes und wichtigstes Schutzschild zu betrachten. Ihre Sicherheit beginnt nicht erst im Moment einer Bedrohung.

Sie beginnt jetzt, in diesem Moment, mit der bewussten Entscheidung, aufrecht zu stehen, die Welt um sich herum wahrzunehmen und den Raum, der Ihnen zusteht, selbstbewusst einzunehmen.

„Persönliche Sicherheit beginnt mit Ihrer inneren Haltung – sie ist Ihr erstes und wichtigstes Schutzschild.“

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